Via Alta Crio – Etappen 1 & 2
9. Oktober 2025 – Aufbruch ins Tessin
Durch Zufall habe ich den italienischen Film Via Alta Crio gesehen – und sofort wusste ich: Das wird meine nächste Wanderung.
Nur war es schon Oktober, und im Tessin lag der erste Schnee. Viele Hütten hatten bereits geschlossen, einige schon seit dem 22. September. Trotzdem liess mich der Gedanke nicht los. Ein kurzer Anruf bei meinem Wanderfreund – und der Plan stand.
Am 9. Oktober ging’s bei schönstem Herbstwetter los. Die Anreise mit dem ÖV verlief locker: über Bellinzona nach Lumino. Von dort ein kurzer Fussmarsch durchs Dorf zur kleinen, gut versteckten 4er-Luftseilbahn. Rund 1000 Höhenmeter schwebten wir hinauf nach Monti Savorù.
Von dort führte der Weg durch einen goldenen Herbstwald hinauf zur Capanna Brogoldone (1907 m). Die Hütte war noch geöffnet, aber nur bis zum Wochenende – danach würde sie in die Winterpause gehen, so wie auch die nächsten beiden auf unserer Route.
Pünktlich zur Mittagszeit kamen wir an. Eva, die Hüttenwartin, begrüsste uns freundlich. Nach einer wärmenden Minestrone und einem Bier beschlossen wir spontan, noch den Pizzo di Claro zu besteigen. Eva riet uns, Stirnlampen mitzunehmen – es könnte spät werden.
Aufstieg zum Pizzo di Claro
Ohne Gepäck machten wir uns auf den Weg zum Passo di Mem. Der Pizzo di Claro wirkte von dort aus immer noch weit entfernt, doch wir beschlossen, den Südgrat direkt anzugehen – so weit, wie es eben ging.
Der Weg war mit weissen Punkten markiert, bald mussten auch die Hände ran. Ab etwa 2300 m wurde es anspruchsvoll: kleine Schneefelder, nasses Gras, loses Gestein. Zurück war keine Option mehr. Unter dem Vorgipfel lagen etwa 50 cm Schnee, aber auch das meisterten wir.
Am Hauptgipfel angekommen, war die Sicht fantastisch – rundum Stille und Weite. Doch die Zeit drängte, es war fast drei Uhr. Der Abstieg über die Nordostflanke war gut markiert, und Spuren im Schnee erleichterten die Orientierung. Auf etwa 2150 m versuchten wir, möglichst auf gleicher Höhe zu bleiben, um zusätzliche Höhenmeter zu vermeiden – alte SIMM-Gewohnheit.
Nach rund 1550 m Aufstieg und 970 m Abstieg erreichten wir um 17:20 Uhr wieder die Hütte. Die letzten Sonnenstrahlen genossen wir auf der Terrasse, bevor wir in die warme Stube zum Abendessen gingen. Ein langer, erfüllter Tag ging zu Ende.
Aufstieg am Südgrat des Pizzo di Claro
10. Oktober – Capanna Brogoldone bis Capanna Cava
Am Morgen verabschiedeten wir uns von Eva und liessen die gemütliche Hütte hinter uns. Ab jetzt würden wir für ein paar Tage allein unterwegs sein.
Den Weg zum Passo di Mem kannten wir schon vom Vortag. Danach wechselte die Markierung von rot-weiss auf blau-weiss. Ab Punkt 2575 m wurde es steil, auf der Nordseite lag viel Schnee. Auch der Weiterweg auf rund 2500 m Höhe war schneebedeckt – mühsam und anstrengend.
Etwa zwei Kilometer kämpften wir uns durch Blockgelände und Schnee, vorsichtig über Felsen balancierend, immer wieder hüfttief einsinkend. Nass bis auf die Socken zogen wir weiter unter dem Piz di Campedell vorbei. Erst beim kleinen See auf 2507 m war der Schnee endlich weg.
Bei der Alpe d’Örz machten wir eine lange Pause. Ein Bier auf der Bank vor der Hütte – Sonne, Ruhe, einfach herrlich. Wir wären gern geblieben, aber unsere Übernachtung war schon in der Capanna Cava gebucht.
Über den Passo del Mauro (2427 m) begegneten wir einer Herde Ziegen, die sich streicheln liessen – nur der Bock roch furchtbar, also nahmen wir schnell Reissaus. Der Abstieg nach Norden war heikel: steil, vereist und ausgesetzt – sicher T4+ bei Trockenheit.
Nach 10 ½ Stunden erreichten wir müde, aber glücklich die Capanna Cava. Von aussen sah sie schön aus, innen war sie einfach, aber gemütlich. Leider kein Wasser, kein WC – schade für eine SAC-Hütte, die mit dem Auto fast erreichbar wäre. Ein einfaches Plumsklo wäre wirklich machbar.
Wir heizten den Ofen, trockneten unsere Sachen und kochten das Nachtessen. Draussen wehte kalter Wind, drinnen knisterte das Feuer – ein guter Abschluss eines harten, langen Tages.
Winter-Capanna Cava (Selbstversorgerhütte)
11. Oktober – Capanna Cava bis Rifugio Giümela
Heute sollte es gemütlicher werden. Der höchste Punkt lag bei 2295 m, der Senda del Bo – hoffentlich ohne Schnee.
Von der Hütte aus sahen wir fast die ganze Strecke. Zuerst ging es hinunter zur Alpe di Sceng di Sopra (1787 m), dann wechselten wir auf den blau-weiss markierten Weg. Der Aufstieg war spannend – ausgesetzt, aber gut mit Seilen und Kabeln gesichert, und glücklicherweise schneefrei.
Wir stiegen ruhig und stetig hinauf, querten kleine Bäche, genossen die Aussicht. Auch der Abstieg war an heiklen Stellen gut mit Ketten gesichert. Nach etwa fünf Stunden erreichten wir das Rifugio Alpe di Giümela (1811 m) – eine kleine, sympathische Selbstversorgerhütte mit acht Schlafplätzen, Gasherd, Holzofen, Brunnen und WC.
Wir schnippelten Zwiebeln, Knoblauch und Peperoncini, kochten eine Tomatensauce und wärmten Pasta. In der Abendsonne sassen wir draussen, das Tal unter uns, Stille rundherum – einfach perfekt. Am späten Nachmittag kamen noch drei Wanderer, die von Biborgh (1294 m) aufgestiegen waren. Gemeinsam liessen wir den Tag gemütlich ausklingen.
Senda del Bo 2295 m
12. Oktober – Abstieg nach Malvaglia
Am nächsten Morgen hiess es Abschied nehmen.
Der Himmel war klar, die Luft frisch. Der Abstieg ins Tal war leicht und bot noch einmal herrliche Ausblicke.
Mit jedem Schritt wuchs die Vorfreude auf den Sommer – denn wir wissen jetzt schon: Wir kommen wieder.
Die nächsten Etappen der Via Alta Crio warten.
Fazit
Die ersten Etappen der Via Alta Crio im Tessin zeigen, was diese Route so besonders macht: wilde Landschaften, einsame Wege, Schnee im Oktober und einfache, ehrliche Hütten.
Eine Tour zwischen Herbst und vor Wintereinbruch – fordernd, still und wunderschön.