Hochtour im Alpstein: Fliskopf über den Sattel
Vor einiger Zeit fragte mich Felix, ob Urs und ich Lust auf eine Hochtour im Alpstein hätten – eine Linie, die schon lange auf seiner Wunschliste stand. Die Bedingungen schienen endlich zu passen. Urs musste jedoch kurzfristig absagen: Venedig rief. Also blieb ich übrig – neugierig, aber auch mit einer gewissen Unsicherheit. Verlässliche Informationen zur Route? Kaum vorhanden. Nur ein Hinweis von Felix: Fast die gesamte Linie sei von der Webcam auf der Ebenalp einsehbar.
Welche Scharte genau gemeint ist, bleibt zunächst unklar. Erst durch zusätzliche Details und Fotos eines Kollegen ergibt sich langsam ein Gesamtbild. Nach der Schlüsselstelle soll das Gelände deutlich einfacher werden – hinaus bis zum Sattel. Wir entscheiden uns bewusst gegen Seil und Sicherungsmaterial. Es gäbe ohnehin kaum Möglichkeiten zur Absicherung. Mit dabei sind nur Steigeisen und Pickel. Auch die Planung verlangt Respekt: Rund 1500 Höhenmeter an einem Tag und ein steiles Schneecouloir mit etwa 550 Höhenmetern – für mich aktuell eine echte Herausforderung
Blick zum Altmann – Altmannkamm – Sattel – Fliskopf
Zustieg von Wasserauen via Seealpsee
Die Tour beginnt früh, aber bewusst entspannt: Mit dem ÖV fahre ich nach Wasserauen und starte von dort den Zustieg. Mit schwerem Rucksack, Zelt und kompletter Ausrüstung führt der Weg direkt hinauf zum Seealpsee. Auf der Terrasse gönne ich mir ein Bier und einen Nussgipfel – fast schon Pflichtprogramm. Der Blick Richtung Aufstiegsroute ist eindrücklich und zugleich respekteinflößend. Klar ist: Wenn die Verhältnisse nicht passen, wird umgedreht.
Beim Wasserfassen folgt die erste Enttäuschung: Überall Hinweise auf «kein Trinkwasser». Also weiter – mit leichtem Gepäck, aber ohne Reserve. Der Schrennenweg zieht steil durch schattigen Wald nach oben. Schneereste sind nur vereinzelt vorhanden, technisch bleibt alles gut machbar.
Unterwegs begegnen mir zwei Touristen, die von den Schneefeldern sichtlich überrascht sind – unterwegs in Turnschuhen und entsprechend unsicher. Weiter unten liegt die Meglisalp ruhig und verlassen. Laut aktuellen Informationen öffnet hier alles erst Mitte Mai.
Schliesslich erreiche ich eine Bachquerung – endlich Wasser. Ich fülle meine Flaschen und gönne mir eine kurze Pause. Ab hier beginnt die geschlossene Schneedecke. Noch etwa 30 Minuten bis zu meinem Biwakplatz: eine kleine, schneefreie Wiese – ideal für die Nacht.
Schrennenweg, Verbindung Seealpsee – Meglisalp
Biwak und Vorbereitung auf die Hochtour
In der Abendsonne koche ich einfache Fertignudeln, gefolgt von Kaffee und ein paar Nüssen. Die Sonne verschwindet früh hinter den Gipfeln des Alpsteins. Um die letzten warmen Strahlen zu nutzen, steige ich nochmals etwas höher auf, bevor ich mich gegen Abend in den Schlafsack zurückziehe.
Felix startet am nächsten Morgen um 5:00 Uhr in Wasserauen und erreicht mich nach gut zwei Stunden. Nach einer kurzen Pause mit Tee machen wir uns um 7:25 Uhr bereit für den Aufstieg. Steigeisen an – und los.
Aufstieg im Couloir: Schlüsselstelle der Hochtour
Der Schnee ist hart gefroren, der Rucksack schwer. Schritt für Schritt gewinnen wir an Höhe. Schon bald wird das Gelände deutlich steiler. Nach rund 200 Höhenmetern übernimmt Felix die Spurarbeit. Mit zwei Pickeln ist er optimal ausgerüstet. Ich bin minimalistischer unterwegs – ein Pickel, ein Skistock.
Die Steilheit nimmt weiter zu. Nach weiteren 200 Höhenmetern erreichen wir die Schlüsselstelle der Tour. Auf einem kleinen Absatz legen wir eine kurze Pause ein. Zwei Drittel sind geschafft – jetzt beginnt der anspruchsvollste Teil.
Auf den Frontzacken der Steigeisen queren wir unter den Felsen. Jeder Schritt muss sitzen. Im steilen Hang verliert mein Stock an Effektivität. Ich wechsle den Stockteller, sodass ich den Stock besser in den Hartschnee rammen kann – das gibt zusätzliche Sicherheit. Ein Ausrutschen wäre hier fatal – volle Konzentration ist gefragt
Schlüsselstelle, Querung unter den Felsen
Steiles Schneecouloir bis zum Sattel
Das Couloir zieht sich weitere 150 Höhenmeter hinauf. Steinböcke beobachten uns vom Altmannkamm aus – scheinbar mühelos bewegen sie sich in diesem Gelände. Die Sonne weicht den Schnee teilweise auf, doch kurz vor dem Sattel wird er wieder hart und griffig.
Die Steigeisen greifen zuverlässig, der Pickel beisst sich in den Hartschnee und bietet sicheren Halt. Auch der Stock hilft beim Gleichgewicht. Konzentriert steigen wir weiter, bis das Gelände plötzlich flacher wird.
Um 10:15 Uhr erreichen wir den Sattel. Zeit zum Durchatmen. Wir trinken, essen und lassen die Eindrücke auf uns wirken.
Felix steigt noch weiter zum Fliskopf auf, während ich Richtung Altmannkamm unterwegs bin. Wenig später treffen wir uns wieder.
Ausstiegcouloir mit Tiefblick zum Seealpsee
Abstieg mit kleine Pannen und besondere Begegnungen
Für den Abstieg reduziert sich mein Gepäck: Die Steigeisen kommen in Felix’ Rucksack. Zwei Kilogramm weniger machen sich sofort bemerkbar. Bei der Zwinglipasshütte legen wir eine Pause ein – doch leider ohne Wasser.
Kurz darauf folgt die nächste Herausforderung: Mein Schuh verliert den Fersenkeil. Mit etwas Improvisation gelingt eine provisorische Reparatur, und wir setzen den Abstieg fort.
Eine besondere Begegnung sorgt für Abwechslung: Eine Kreuzotter kreuzt unseren Weg, kurz darauf entdecken wir sogar eine zweite. Der Durst wird zunehmend spürbar, doch erst beim Gamplüt finden wir wieder Einkehrmöglichkeiten – inzwischen hat sich auch mein zweiter Schuh teilweise verabschiedet.
Sattel erreicht ca. 2350 m
Abstieg nach Wildhaus
Das Bier und das Essen schmecken entsprechend gut. Gestärkt machen wir uns auf den Weg nach Wildhaus – und erreichen das Postauto gerade noch rechtzeitig.
Fazit: Anspruchsvolle Hochtour im Alpstein
Die Hochtour auf den Fliskopf über den Sattel im Alpstein ist eine ernsthafte und anspruchsvolle Unternehmung. Das steile Couloir, harte Schneeverhältnisse und fehlende Sicherungsmöglichkeiten erfordern Erfahrung, Trittsicherheit und eine realistische Selbsteinschätzung.
Eine eindrückliche Hochtour auf einen einsamen Sattel – wild, ruhig und fordernd. selten begangen ohne Namen.
Felix auf dem Fliskopf 2384 m mit Säntis
Danke, Felix, fürs Planen, Spuren und Teilen dieser besonderen Linie.
2 Kommentare
Spannende Präsentation. Interessante wären noch die gps daten, bzw. Tageskilometer auf einer Karte. Freue mich schon auf die nöchste Tour 😉 lg kim
Hallo Kim,
danke hier noch die Gesamtdaten der Tour: Wasserauen – Wildhaus: 18.5km / +1650m / -1320m / 9h 30min.
Die gpx-Daten sende ich dir gerne zu. Lieber Gruss Daniel