Am 49. SIMM war nur eines konstant: der Regen. Dennoch haben sich Daniel und Felix erneut an den Start gewagt.
Vielleicht hätte es ein Vorbote sein sollen. Ein Zeichen, endlich das Feld jüngeren Teilnehmern zu überlassen. Doch Daniel und Felix liessen sich von den trüben Wetteraussichten nicht beirren und standen Mitte August erneut am Start des Swiss International Mountain Marathon. Dem zweitätigen Orientierungslauf quer durch das bergige Gelände von Crans Montana, dessen Regeln genau so unverständlich sind, wie der ständige Rücktritt vom Rücktritt der zwei Protagonisten dieser Geschichte.
Keine Beiz weit und breit
Nichtsdestotrotz möchten wir diese Zeilen nutzen, um den beiden die nötige Anerkennung für die erbrachte sportliche Leistungen auszusprechen. Insbesondere, weil in dieser Ausgabe des SIMM eigentlich nur eines fast immer trocken blieb: die durstigen Kehlen dieser Routiniers. Doch beginnen wir am Anfang. Wir schreiben den 17. August 2024. Das Wetter: garstig. Die Motivation: hoch. Wasserdicht verpackt in Regenhosen und Regenjacke mischen sich Daniel und Felix unters Teilnehmerfeld am Massenstart. Als der Startschuss ertönt ist die eingerollte Karte bereits ziemlich durchnässt. Dennoch nehmen sie sich die nötige Zeit, um die ideale Route zu planen. Der Plan geht auf: Wie der Regen gleiten sie über die Steine und erlaufen Posten um Posten. Doch als der Magen knurrt, treffen sie eine folgenschwere Entscheidung. Anstatt weiter zu gehen, lassen sich auf einer gedeckten Gitterrosttreppe bei der Mittelstation Violettes (Plaine Morte) nieder. Der Untergrund ist ungemütlich und hart. Keine Beiz weit und breit. Das denken zumindest Daniel und Felix. Doch sie sind einem Irrtum aufgesessen. Nur wenige Meter weiter frohlockt die Cabane des Violettes mit einer warmen Suppe und einem kühlen Bier. Ihr langjährig antrainierter Riecher für eine Erfrischung hat sie im Stich gelassen. Die Motivation sinkt. Es regnet immer noch. In den Schuhen gluckert das Wasser.
Posten Nr. 64 – Stein obenauf
Nass bis auf die Socken
Es geht weiter über Geröllfelder, unter Stacheldrahtzäunen hindurch und an kampfbereiten Eringerkühen vorbei. Nach drei Stunden, 20 Minuten und zwölf Sekunden erreichen Felix und Daniel das Tagesziel. Als Erste überqueren sie die Ziellinie. Manch einer der nachfolgenden Teilnehmer tuschelt darüber und stellt sich die nicht ganz unberechtigte Frage, wie wohl die Karrieren der beiden Männerriegler verlaufen wären, wenn sie in der Vergangenheit ebenfalls die Restaurantbesuche ausgelassen hätten.
Daniel und Felix beziehen ihr Nachtlager. Alles ist nass. Die Socken werden ausgewunden und wieder angezogen. Um Gewicht zu sparen, verzichtet man beim SIMM auf Komfort. Ein wohltuendes alkoholisches Getränk bleibt ihnen aus den selbigen Gründen verwehrt. Auch weil die nächste Hütte wegen schlechtem Wetter geschlossen hat. So gibt es für die beiden Feinschmecker einzig Suppe, Polenta und Käse. Musikalisch untermalt des auf das Zelt prasselnden Regens.
Massenstart am 2ten Tag
Die Versuchung
Am nächsten Morgen schlüpfen die beiden in die triefend nassen Schuhe und nehmen den zweiten Wettkampftag in Angriff. Obschon es immer mal wieder regnet, ist die Motivation gut. Schliesslich winkt das beste Resultat ihrer SIMM-Karriere. Doch dann – sie hätten es besser wissen müssen – machen sie den zweiten grossen Fehler. In goldenem Licht erscheint eine Alpbeiz. Sanft eingebetet zwischen zwei Hügeln. Und hier hätte die Geschichte erfolgreich weitergehen können, wären die beiden einfach erneut weitergegangen. Hätte. Denn wir wissen alle, wie sich die beiden entschieden haben. Der Versuchung erlegen mit einem Bier in der Hand geniessen sie eine 15-minütige Pause. Das Wetter: ok. Die Motivation: unermesslich hoch.
Ausgangslage verspielt
Zurück im Rennen kämpfen sich Daniel und Felix durch Wacholderbüsche, Erlen und mannshohe Farne. Und dann passiert es: Ein falscher Abzweiger, der in einem Umweg von rund 15 Minuten resultiert. Die Folge 60 Strafminuten. Am Ende kommen die beiden nach fünf Stunden, elf Minuten und 45 Sekunden ins Ziel. Das Bier und der Umweg hat sie im Klassement weit nach hinten gespült, Rang 18 von 21 gestarteten Teams. Die Stimmung ist getrübt. Es regnet.
Und die Moral von der Geschicht, manchmal übt man sich besser in Verzicht.
Text: Luzia